- Helfen, in den Alltag zurückzufinden stz, 08.02.2007
BAD SALZUNGEN - Sie sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen oder schrägen Blicken ausgesetzt sein. Sie sollen neben ihrer psychischen Erkrankung nicht zusätzlich unter der Reaktion der Gesellschaft leiden. Dr. med. Jochen Ostermann bezeichnete die Übergabe der Psychiatrischen Tagesklinik als einen Meilenstein im Bemühen, seelisch Kranken zu helfen.
Das, was am Standort „Sulzberger Krankenhaus" in knapp einem Jahr entstanden ist, kann sich sehen lassen. Eine moderne Glas-Stahl-Konstruktion verbindet das einstige Armenspital mit dem Erweiterungsbau und schafft so Platz für großzügig geschnittene und keineswegs klinisch-steril wirkende Räume. Der Mut zur Farbe - von leuchtend gelb bis kräftig orange und weinrot - bringt Lebendigkeit. Vom Eingangsbereich aus gelangt man zu den Therapieräumen, in eine kleine Werkstatt, die Trainingswohnung und die Schwesternzimmer. Im Obergeschoss gibt es mehrere Gruppen- und Aufenthaltsräume, Zimmer für das Ärzteteam und eine Küche. „Hier kochen die Patienten einmal in der Woche selbst", erklärt Dr. med. Ostermann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Klinikum Bad Salzungen und Hausherr der Psychiatrischen Tagesklinik. Ein Teil der Therapie, denn die Patienten sollen lernen, sich im Leben wieder zurechtzufinden. Wie wichtig eine solche Einrichtung im Landkreis ist, verdeutlichen die Zahlen, die Landrat Reinhard Krebs zur Übergabe der Psychiatrischen Tagesklinik parat hatte. Waren es 1998 nur 70 Patienten mit psychischen Erkrankungen, so stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 156. Deutlich zugenommen hat die Zahl der teilstationären Patienten. „Vor 1998 lag der Anteil der teilstationären Patienten um das Siebenfache über dem Landesdurchschnitt", erklärt Dr. med. Ostermann. Heute liege man 50 Prozent über dem Bundes- und Landesdurchschnitt.
Und die neue Tagesklinik ist mit 20 Patienten - eigentlich gibt es nur 15 Plätze - bereits überbelegt. Sechs psychisch Kranke stehen auf der Warteliste. Für Dr. Ostermann Anlass, zu versuchen über den nächsten Krankenhausplan die Kapazität aufstocken zu lassen. Bei Thüringens Gesundheitsminister Dr. Klaus Zeh könnte er auf offene Ohren stoßen, machte Zeh gestern doch deutlich, dass es sich um einen sehr sensiblen Bereich handele. Eine psychische Erkrankung zu erkennen sei nicht gleichzusetzen mit dem Messen eines Leberwertes. „Und sie bedarf einer besonderen Behandlung", betont er. In diesem Bereich eine Tagesklinik anzubieten „ist ein guter Weg". Eine gute Alternative zur vollstationären Behandlung oder der ambulanten Betreuung und Verabreichung von Psychopharmaka. Die Patienten hätten so ihre häusliche Umgebung und am Tage eine zusammenhängende Betreuung. Die Millionen-Investition - 1,7 Millionen Euro steuerte das Land und 400 000 Euro der Landkreis bei - „ist ein weiterer Schritt in die Zukunftsentwicklung des Klinikums", sagte Klinikum-Geschäftsführer Harald Muhs. Und sie ist angesichts der steigenden Belegungszahlen der Tagesklinik und des Klinikums gerechtfertigt. Im vergangenen Jahr habe man das erste Mal die Grenze von 15 000 stationären Behandlungsfällen am Klinikum überschritten. (mö)
 Die Psychiatrische Tagesklinik ist innen wie außen ein Schmuckstück geworden. Gestern erfolgte die symbolische Schlüsselübergabe: Architekt Matthias Kirschner, Dr. med. Jochen Ostermann, Klinikumsgeschäftsführer Harald Muhs, Gesundheitsminister Dr. Klaus Zeh und Landrat Reinhard Krebs (v. links). FOTO: HEIKO MATZ |