Home Pressespiegel Presseartikel 2006 SYMPOSIUM „Grenzen und Ethik in der Intensivmedizin"
SYMPOSIUM „Grenzen und Ethik in der Intensivmedizin"
- in Vorbereitung: Ethik-Komitee am Klinikum Bad Salzungen
stz, 13.05.2006

„Diese Fragen immer wieder stellen" Der wissenschaftliche Leiter zitierte Goethe: „Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünkt: Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt". Ärzte, Pfleger und Schwestern aus der Region diskutierten im Klinikum Bad Salzungen mit Fachleuten über eine der schwierigsten Fragen in der Medizin.

BAD SALZUNGEN - Prof. Dr. Guido Hack, Chefarzt am Institut für Anästhesiologie am Hegau-Bodensee Klinikum in Singen und Dr. Roland Schneider, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin im Klinikum Bad Salzungen leiteten das Symposium „Grenzen und Ethik in der Intensivmedizin".

Das Thema des Symposiums - „Grenzen und Ethik in der Intensivmedizin" - eine Frage oder eine Feststellung?

Roland Schneider: Ich würde eher ein Ausrufezeichen setzen. Es gibt Grenzen. Irgendwo hat die Natur bei allem technologischen und pharmakologischen Fortschritt Grenzen gesetzt. Was den Tod des Patienten bedeutet - egal, was wir tun. Es kommt darauf an, wie lange man intensivmedizinisch behandelt und ab wann die Palliativmedizin einsetzt, um nicht das Leiden eines Patienten zu verlängern. Die Intensivmedizin hat zunächst die Intention, schwerstverletzte Menschen zu behandeln, ihre Lebensfähigkeit wieder herzustellen. Dann gibt es den Grenzbereich zur Palliativmedizin, der umfassenden Versorgung eines Patienten, der nicht mehr geheilt werden kann. Meiner Meinung nach muss man sich die Zeit nehmen, dieses Thema von verschiedenen Seiten zu betrachten. Man muss sich mit Ethik befassen, mit medizinischen, juristischen und wirtschaftlichen Aspekten. Fragen, die weit führen - und sich nicht schnell abhandeln lassen. Deshalb - und weil es zum Charakter eines akademischen Lehrkrankenhauses gehört - haben wir dieses Symposium veranstaltet.

Zu dem Sie auch Schwestern und Pfleger eingeladen haben.

Roland Schneider: Es gibt keinen anderen Bereich in der Medizin, wo Ärzte und Pfleger so eng zusammenarbeiten müssen wie in der Intensivmedizin. Es braucht ein absolutes Vertrauensverhältnis. In der Intensivmedizin ist der Kontakt zum Patienten und zu den Angehörigen sehr innig - diesen Kontakt halten die Ärzte punktuell, die Pfleger und Krankenschwestern sind stunden- und tagelang beim Patienten. Sie fungieren als Bindeglied, ihre Informationen sind elementar, ihre Meinung ist von großer Bedeutung.

Warum muss in ethischen Fragen ein Jurist konsultiert werden?

Roland Schneider: Die Rechtsprechung hat einen ganz großen Einfluss auf die Medizin - es geht um Patientenvollmachten, um Verfügungen, das sind juristische Dinge. Es ist also wichtig, dass wir Mediziner den Kontakt zum Juristen halten. Und wir sind immer mehr zur Dokumentation verpflichtet.

Guido Hack: Wir brauchen die Juristen, um die Definitionen sichtbar zu machen. Früher hat man gesagt, dass der Arzt das Heil der Kranken bestimmt, heute steht der Wille des Kranken im Vordergrund. Der Fachanwalt für Medizinrecht, der auf dem Symposium gesprochen hat, sagte: ,Der Patient hat ein Recht auf Unvernunft'. Das gilt, wenn der Patient bei vollem Bewusstsein ist - auch wenn der Arzt anderer Meinung ist.

 

Roland Schneider: Ich kann einwirken, nichts erzwingen. Nur in der Notfallmedizin entscheide ich als Arzt ganz alleine .

Und wenn die Angehörigen Sie bedrängen? In die eine oder die andere Richtung?

Roland Schneider: Das gibt es. Dass Angehörige fordern, wir sollten etwas tun, wo wir nichts mehr tun können. Diese Gespräche sind schwer, aber meistens gehen die Angehörigen nicht auf Konfrontation, wenn sie in den Verlauf einer Behandlung eingebunden werden.

Guido Hack: Viel öfter beklagen Angehörige aber das, was sie ,unmenschliche Apparatemedizin' nennen.

Roland Schneider: Obwohl wir schon viele Menschen retten konnten - mit diesen Apparaten.

Diese Apparate kosten viel Geld. Welche Rolle spielen ökonomische Überlegungen in dieser Diskussion?

Roland Schneider: Eine erhebliche Rolle. Die Intensivmedizin braucht - außer den OP-Abteilungen - die größten finanziellen Ressourcen in einem Krankenhaus.

Guido Hack: Natürlich wird im Medizincontrolling in der Verwaltung hinterfragt, wo das Geld geblieben ist. Oder auch, warum die Kosten in der Intensivmedizin so hoch gewesen sind.

Roland Schneider: Auch die Krankenkassen hinterfragen gründlich: In der Regel werden doppelt so viele Fälle aus der Intensivmedizin überprüft wie in den anderen Abteilungen eines Krankenhauses. Intensivmedizin kostet sehr viel Geld. Aber sollen wir den Patienten etwas vorenthalten?

Wie soll also wer die ethischen Fragen in der Medizin beantworten?

Guido Hack: Seit etwa zwanzig Jahren wird viel über Medizinethik diskutiert. Je mehr in der Intensivmedizin möglich wird, um so mehr muss den Gedanken und Emotionen der beteiligten Berufsgruppen Gehör verliehen werden. Weshalb sich an Krankenhäusern Ethik-Komitees zusammenfinden, interprofessionell besetzt - denkbar, dass ein Ethiker die Leitung übernimmt.

Roland Schneider : In diesen Komitees können auch sozialwissenschaftliche, philosophische und theologische Fragestellungen erörtert werden. In Kliniken in Erfurt und Jena gibt es bereits ein Ethik-Komitee, wir sind hier in Bad Salzungen dabei, das ins Leben zu rufen. Wir hoffen, im Juni so weit zu sein.

Guido Hack: Ein wichtiger Austausch, auch wenn der behandelnde Arzt letztendlich entscheidend ist.

Roland Schneider: Aber es ist wichtig, dass man diese Fragen immer wieder stellt, darüber spricht, und dass man zueinander findet. INTERVIEW: MARIA-THERESIA WAGNER


Intensivmedizin - gibt es Grenzen? FOTO: HEIKO MATZ


Prof. Dr. Guido Hack (l.) und Dr. Roland Schneider. FOTO: m

 
 
 

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