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Vertrauen muss geprobt werden
stz, 24.05.2006

Das Klinikum Bad Salzungen will mit dem Medizinischen Versorgungszentrum am Standort des alten Krankenhauses in Bad Salzungen in die ambulante Versorgung der Patienten einsteigen. Die niedergelassenen Ärzte wurden über diese Pläne bisher nicht informiert.

BAD SALZUNGEN - Als Beschlussvorlage liegt heute bei den Kreistagsmitgliedern auf dem Tisch: „Der Kreistag stimmt der Gründung der MVZ Medizinisches Versorgungszentrum Bad Salzungen GmbH als einhundertprozentige Tochtergesellschaft der Klinikum Bad Salzungen gGmbH mit einem Stammkapital in Höhe von 25 000 Euro vorbehaltlich der rechtsaufsichtlichen Genehmigung zu." Bei fünf Ja-Stimmen und einer Enthaltung empfahl der Kreisausschuss dem Kreistag die Annahme des Beschlusses. Zuvor, während der Debatte, hatten Matthias Kehr (SPD), Prof. Hans-Jörg Lessig (PDS) und Andreas Kaufmann (Freie Wähler) heftig kritisiert, dass dieses Versorgungszentrum nicht rechtzeitig vorgestellt wurde, um es in den Fraktionen beraten zu können. „Wir wissen jetzt seit 14 Tagen Bescheid und sollen am Mittwoch eine Entscheidung von solcher Tragweite treffen, die den Landkreis ja auch Geld kostet", so Kehr. Harald Muhs, Geschäftsführer des Bad Salzunger Klinikums, versuchte, das Vorhaben zu erläutern. Danach soll zunächst am Standort des alten Krankenhauses ein MVZ entstehen. In einem ersten Schritt sollen dort zwei bis drei Mediziner arbeiten. Gedacht sei an zwei Gynäkologen und einen Anästhesisten. Ziel des Zentrums soll die Verbesserung der ambulanten Betreuung der Patienten sein. Denn, so Muhs, in den nächsten Jahren gehen in Thüringen etwa 30 Prozent der niedergelassenen Ärzte in den Ruhestand. Diese Defizite wolle das Klinikum mit einem solchen Zentrum abmindern. Schrittweise könnten dort bis zu sieben Ärzte tätig werden, die beim MVZ angestellt sind. Wie Muhs ergänzte, könnten im MVZ erfahrene Ärzte des Klinikums zum Einsatz kommen. Im Klinikum selbst entstünden dann Stellen für junge Fachärzte. Landrat Dr. Martin Kaspari begrüßte die Idee. Im Bereich des Wartburgkreises gebe es zurzeit neun offene Arztstellen, darunter drei Gynäkologen. Einem jungen Facharzt werde mit der Niederlassung „ein hohes unternehmerisches Risiko aufgebürdet". Bei einem angestellten Arzt trage dieses Risiko die Gesellschaft, in diesem Falle die MVZ GmbH. Matthias Kehr (SPD) wollte wissen, inwieweit dieses Versorgungszentrum eine Konkurrenz für die niedergelassenen Ärzte darstelle. Andreas Kaufmann (Freie Wähler) schob nach, ob die Stellen, die nun in Bad Salzungen im MVZ besetzt werden, im ländlichen Raum verloren gehen. Bedeute das, wenn der Allgemeinmediziner in Dermbach aufhöre und in Bad Salzungen eine Arztstelle besetzt werde, dass in Dermbach keine Zulassung mehr möglich sei?

Auf diese Hausarztebene wolle sich das MVZ erst einmal nicht begeben, versicherte Muhs. Auch werde keine Wettbewerbssituation geschaffen, was investitionsintensive Fachgebiete wie Internisten und Radiologen betreffe. Muhs baut auf eine gute Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten. In der Beschlussvorlage heißt es: „Dabei legt das Klinikum großen Wert auf eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten. Das MVZ ergänzt die kassenärztliche Versorgung in Fachgebieten mit freien oder frei werdenden Vertragsarztsitzen." Der vertrauensvolle Umgang mit den niedergelassenen Ärzten muss erst geprobt werden, denn die kannten die Pläne bisher nicht. Dr. Rita Heidt, Vorsitzende der Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Bad Salzungen, wünscht sich diese Zusammenarbeit. Sie ist nicht gegen die Pläne des Klinikums, auch wenn sie sich zurzeit von einem MVZ noch kein genaues Bild machen kann. Die Pläne für die Anfangsphase, zwei Gynäkologen und einen Anästhesisten einzustellen, erscheinen ihr sinnvoll. Erweiterungspläne sollten in engem Kontakt mit den niedergelassen Ärzten entschieden werden. Rita Heidt wünscht sich ein vertrauensvolles Miteinander im Interesse der besseren Versorgung der Patienten. Inwieweit das wirklich gelingt, werde die Zukunft zeigen. Sie möchte Unwägbarkeiten für die niedergelassenen Ärzte ausräumen. So bestehe die Gefahr, dass stationäre Leistungen in den ambulanten Bereich umgeschichtet werden. Auch dürfe niemand vergessen, dass ein Arzt im MVZ einen gewissen Schutz genieße und nicht dem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist. Das bekräftigt auch Dr. Ludger Krumbein, Fachreferent für Gynäkologie in der Kreisstelle. Ein niedergelassener Arzt mit hohen Schulden und einem engen Budget stehe gegen einen angestellten Arzt in einem MVZ in einem „ungleichen Kampf". Auch Dr. Krumbein möchte das MVZ nicht verhindern. Informationen hätte er sich schon gewünscht. Natürlich werde die eine oder andere Patientin möglicherweise wechseln, wenn sie auf einen Termin nicht mehr ein Vierteljahr warten wolle. Doch das sei der normale Wettbewerb. Und die Gynäkologen hätten hier in der Region gut zu tun. Natürlich, so Dr. Krumbein, wolle das Klinikum mit dem MVZ Geld verdienen und sich „ein Stück des ohnehin kläglichen Kuchens der ambulanten Versorgung sichern". Matthias Zenker, Referent der Geschäftsführung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Weimar, bestätigt den Trend zum MVZ. Deutschlandweit gebe es bereits 420, in Thüringen seien es bisher 18. Die Besonderheit in Thüringen bestehe darin, dass diese Zentren vor allem von Kliniken gegründet werden. Der Zulassungskommission der KV liege zurzeit noch kein Antrag des Klinikums Bad Salzungen für die Gründung eines MVZ vor. Vorgespräche habe es sicher gegeben, so Zenker. Im Versorgungsbereich Eisenach/Wartburgkreis fehlen laut KV-Statistik mit Stand 4. April 2006 ein Anästhesist, ein Augenarzt, drei Frauenärzte, ein Hautarzt und acht Hausärzte. (wei)


Am Standort des alten Krankenhauses in Bad Salzungen wird kräftig gebaut. Das Klinikum plant hier unter anderem, ein Medizinisches Versorgungszentrum für die ambulante Betreuung der Patienten aufzubauen. Foto: Heiko Matz

 
 
 

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