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stz, 07.06.2006
Oberarzt René Trautvetter tupft mit einem Wattestäbchen ein rostfarbenes Gel auf einen Unterschenkel. Es ist 13.50 Uhr. Die gleichen Handgriffe wird der Chirurg am Bad Salzunger Klinikum etwa 18 Stunden später ein zweites Mal ausführen. Am gleichen Unterschenkel. Der dazugehörige Patient war zwischendurch zu Hause. René Trautvetter nicht.
BAD SALZUNGEN - Mittwoch kurz vor sieben: Arbeitsbeginn. Alles ist genau geplant. 7 Uhr Visite, 7.45 Uhr Wachvisite, 8 Uhr Dienstbesprechung. Danach entweder OP oder Stationsdienst. Der Oberarzt hat Stationsdienst. Der Vorteil: Es gibt kurz nach acht Uhr Frühstück. Das ist so etwas wie Luxus. Mit schnellem Schritt steuert der 38-Jährige das Zimmer der Station 4D an. 4D ist unter anderem Wachbereich. Patienten, die nicht intensivmedizinisch betreut werden müssen, aber deren Vitalfunktionen noch überwacht werden, liegen hier. Im Stationszimmer laufen auf einem Monitor alle Daten zusammen: Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung. René Trautvetter kommt zur Tür herein. Sein Blick fällt auf den Tisch im hinteren Teil des Raumes. „Morgen, Oberarzt", murmelt eine Krankenpflegerin. Das Stationsteam frühstückt bereits. Er setzt sich auf den freien Platz am Kopf des Tisches, mit Blick zur Tür. Es ist 8.13 Uhr. Jemand schenkt Kaffee ein. Er greift nach einem Brötchen. Schmiert, isst, kaut, trinkt. 8.22 Uhr verlässt er die Station. Ziel: Die Notaufnahme, vier Etagen tiefer. Er nimmt die Treppe. Wie ungefähr noch 20 weitere Male an diesem 26-Stunden-Tag. Im Flur ist es stickig. Unten angelangt bittet er den ersten Patienten zur Aufnahmesprechstunde in das Behandlungszimmer. Es folgt ein kurzes Gespräch. Ein älterer Mann schildert seine Probleme mit der Chemotherapie. Mitten im Satz ein Piepton. René Trautvetter runzelt die Stirn, greift zur Tasche seiner roten Hose. „Ich habe heute auch den Notarztdienst übernommen." Gestern hat er mit einem Kollegen getauscht. Der wird als Narkosearzt im OP gebraucht. „Wir helfen uns da gegenseitig." Im Gehen noch schnell ein „Es kümmert sich gleich jemand um Sie" zu dem Chemotherapiepatienten und dann im Stechschritt durch den Keller vor das Krankenhaus in Richtung Kreisverkehr. Der Notarztwagen biegt gerade um die Ecke. Es ist 8.35 Uhr. Durch einen Code, der von der Leitstelle durchgegeben wird, weiß der Mediziner ungefähr, was ihn am Einsatzort erwartet. D02 steht für Schock/ Kollaps. Im Auto vermischen sich die Töne des Martinshorns mit leiser Radiomusik und abgebrochenen Wortfetzen aus dem Funkgerät. Ankunft in Barchfeld 8.45 Uhr. Ein Rettungswagen steht vor dem in einer Seitenstraße gelegenen Einfamilienhaus. Notarzt und Rettungsassistenten rücken meist nicht vom gleichen Ort aus. Die Leitstelle in Eisenach kontaktiert den am nächsten liegenden Stützpunkt. Der Notarzt kommt aus dem Klinikum. Getroffen wird sich im Rendezvousverfahren am Einsatzort. René Trautvetter verschwindet in dem Haus. Einige Minuten später schieben die Sanitäter die Trage aus der Tür. „Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben", sagt Trautvetter mit sanfter Stimme und steigt hinten in den Rettungswagen. Blutdruck messen, EKG schreiben, Sauerstoff verabreichen - Routine. 9.08 Uhr Rückkehr ins Krankenhaus. Der Arzt übergibt die Patientin an einen Kollegen. „Verdacht auf akuten Herzinfarkt." Dann: Protokoll schreiben. Jeder Einsatz muss genau dokumentiert werden. So will es die Krankenkasse. Sonst gibt's kein Geld. 9.22 das Klacken eines Stempels, fertig. Zwei weitere Notarzteinsätze werden bis 15.30 Uhr folgen. Dazwischen der ganz normale Vormittag eines Klinikarztes. Schreibkram im Arbeitszimmer im vierten Stock, auf Station nach dem Rechten sehen und Klinikpatienten mit einer speziellen Methode, der Vakuumtherapie, im neben dem Arbeitszimmer gelegenen Untersuchungsraum behandeln. „Mit dem Vakuum-Verband haben wir in den vergangenen Jahren gute Erfolge bei der Behandlung von offenen Beinen gehabt", erklärt Trautvetter. Eine Pumpe lässt auf der Haut ein Vakuum entstehen und saugt Sekret ab. Die Wunden werden dadurch gereinigt und heilen besser. Die Behandlung von Wunden ist Trautvetters Spezialgebiet. „Um mich weiter zu entwickeln, besuche ich Kongresse und andere Veranstaltungen." Die Behandlung einer stark übergewichtigen Patientin an diesem Vormittag dauert fast 45 Minuten. Immer mittwochs zwischen 12 und 14 Uhr ist außerdem Wundsprechstunde in der Notaufnahme. „Die haben wir für unsere ambulanten Wundpatienten eingerichtet." Vorher will sich der Oberarzt noch einen Patienten ansehen. Ein Kollege von einer anderen Station erbittet seinen Rat. Es ist 11.52 Uhr. In der Notaufnahme ist der Behandlungsraum mit einer Patientin belegt - ein Hundebiss. Ein Golden-Ret-riever hat den Arm einer älteren Frau wohl mit einem Knochen verwechselt. Gegen 12 Uhr kann Trautvetter seine Behandlung beginnen. Danach noch schnell ein Gespräch mit dem Vertreter eines Sanitätshauses. Das wird abrupt beendet: Der Pieper ruft erneut zum Notarzteinsatz. Die Wundsprechstunde beginnt schließlich mit einer Stunde Verspätung. Mittagessen entfällt, wie so oft. Damit ist der Oberarzt nicht allein. In der Notaufnahme haben alle noch nichts gegessen. Wie hält der Körper das durch? „Gewohnheit, man muss nur zwischendurch ein Glas Wasser trinken", sagt Trautvetter.
Der letzte Patient der Wundsprechstunde ist ein stämmiger Bad Salzunger mit einem verbundenen rechten Unterschenkel. Seit einem Unfall vor 28 Jahren hat er ein offenes Bein. Es habe auch Ärzte gegeben, die ihm zur Amputation geraten haben, „was ich immer dankend abgelehnt habe." Seit Anfang Februar ist er bei dem Wundspezialisten in Behandlung. „200 Maden haben neben der Vakuumtherapie und einer Hautverpflanzung ganze Arbeit geleistet", erklärt der Mediziner. Zum Verbinden muss er täglich ins Klinikum. „Chronische Wunden brauchen viel Zuwendung und Liebe", sagt Trautvetter und tupft behutsam ein rostfarbenes Gel auf die großen roten Stellen. Dieses spezielle Wundgel ist sehr teuer. „Wenn es hilft, investieren wir das gern", sagt Trautvetter und lächelt. Es ist kurz nach 14 Uhr. Die Sprechstunde ist vorbei und der Mediziner läuft von Zimmer zu Zimmer. „Ein Rettungsassistent hat mir vorhin ein Basecape geschenkt, als Dank, dass ich Arzt beim Bergrennen war, und das ist jetzt weg." Auch das Nachfragen bei den Schwestern bleibt erfolglos und die Kappe verschwunden. Suche aufgegeben. Wieder ins Arbeitszimmer, wieder Schreibkram und zwei Gläser Wasser. Die ersten seit dem Frühstück. Dann in die Radiologie, 14.30 ist Röntgenvisite. Warten auf die Kollegen. Da piept es schrill aus der Seitentasche der Hose. Notarzteinsatz in Vacha. Rückkehr 15.20 Uhr. Nur noch zehn Minuten bis zum Ende von Trautvetters regulärem Dienst. Dem schließt sich bis etwa 7 Uhr des nächsten Tages der Bereitschaftsdienst an. Im Stationszimmer Sucht der Oberarzt nach etwas Essbarem. Findet im Brotkasten eine Scheibe Brot, betrachtet sie erst skeptisch und stuft sie dann als genießbar ein. Dazu eine Tasse Kaffee. Hat er schon einmal überlegt, sich als Arzt niederzulassen und dem hektischen Klinikalltag den Rücken zu kehren? Natürlich hat er. Aber das sei bei den heutigen Bedingungen nicht lukrativ. Mit Hilfe der Bereitschaftsdienste könne man als Klinikarzt ganz gut auskommen, aber das Privatleben, die Familie leide. „Ich arbeite gern in meinem Beruf, aber ein paar Stunden weniger wären eben auch nicht schlecht." Für seine streikenden Kollegen an den Uni-Kliniken zeigt er Verständnis. Ein Streik am Bad Salzunger Klinikum sei eher unwahrscheinlich. Wegen der guten Bedingungen? Kein Kommentar vom Oberarzt. Der wahrscheinlichere Grund ist, dass nur etwa 50 der 650 Angestellten Mitglied in einer Gewerkschaft sind. Keine Zeit zum Philosophieren. In der Unfallambulanz der Notaufnahme warten Patienten auf ihre Behandlung. Es ist 17.15 Uhr. Auf dem Flur ist es ruhiger geworden. Außer den Wischgeräuschen der Reinigungskräfte und dem Rauschen der Klimaanlage ist nichts zu hören. Ein Bett wird um die Ecke geschoben. Darin liegt ein zusammengekrümmter gelber Körper. Der Anfang 20-Jährige hat eine nicht durch Alkohol verursachte Leberzirrhose. „Wenn er nicht bald eine Spenderleber bekommt, wird er sterben", sagt Trautvetter auf dem Weg in sein Arbeitszimmer. Diesmal nimmt er den Fahrstuhl. Schaut ernst zur Decke. So etwas wird nie zur Routine. Trautvetters Sohn ist 16 Jahre alt. Der Abend und die Nacht verlaufen für den Bereitschaftsarzt „ruhig". In einer Mini-OP vernäht er die Platzwunde am Kopf eines kleinen Mädchens. Da der Wildfang, der in einem Einkaufsmarkt gestolpert war und genau die Kante einer Heizungsabdeckung traf, sich partout nicht beruhigen lassen wollte, musste eine Vollnarkose her. Dann noch schnell den Kreislauf einer Patientin auf der Wachstation stabilisieren und sich anschließend auf die Suche nach dem zweiten Notarzteinsatzpatienten des Tages begeben. „Mich interessiert, was aus ihm geworden ist." Auf der vierten Station wird Trautvetter schließlich fündig. Und: Er findet nicht nur den Patienten, sondern auf dessen Bett auch das seit Mittag vermisste Basecape vom Bergrennen. „Es geht doch nichts verloren", sagt der Mediziner und lacht. Gegen 21.15 zieht er sich in sein Bereitschaftszimmer zurück. Ein Bett, ein Fernseher und ein behindertengerechtes Bad. „Bis vor kurzem lagen hier noch Patienten, doch dann wurde die Psychiatrie erweitert und wir mussten unsere alten Zimmer räumen." Privatsphäre Fehlanzeige. Einige Türen weiter liegen Patienten. Nun die Füße hochlegen. „Sobald ich das mache, kommt der Durchhänger", sagt Trautvetter. Der erste eines langen Tages. Doch auch in den nächsten Stunden ist an Durchschlafen nicht zu denken. Elf Anrufe von Stationen sind die Bilanz der Nacht. Der letzte 4.30 Uhr. Am Morgen noch einmal Visite, Wachvisite und Dienstbesprechung. Dann kommt erneut der stämmige Bad Salzunger zur Wundbehandlung. Und dann verlässt René Trautvetter gegen 8.30 Uhr das Klinikum. Seinen weißen Kittel wird er erst wieder am nächsten Morgen überstreifen. VON MARIE-LUISE NEUMANN
 Immer in Bewegung: Mehrere Kilometer legte Dr. René Trautvetter während seines Dienstes auf den langen Krankenhausfluren zurück.
 Der Oberarzt verbringt viel Zeit am Schreibtisch – die Krankenkassen wollen es so. FOTOS: HEIKO MATZ |