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stz, 16.06.2006
In Deutschland werden pro Jahr etwa 35 000 Beinamputationen vorgenommen. Diese Zahl könnte gesenkt werden, wenn arterielle Verschlusskrankheiten frühzeitig erkannt und behandelt würden, sagt Dr. Tobias Retzlaff vom Klinikum Bad Salzungen in einem Vortrag zum Thema „Schaufensterkrankheit".
BAD SALZUNGEN - Hinter dieser geheimnisvoll anmutenden Krankheitsbezeichnung steckt nicht etwa Kaufrausch oder Konsumwahn. Die Schaufensterkrankheit ist ein echtes Leiden und zugleich ein Warnsignal, dass der Erkrankte oftmals noch an anderen schwereren Krankheiten leidet. „Die Schaufensterkrankheit wird auch als wiederkehrendes Hinken bezeichnet und gehört zu den arteriellen Verschlusskrankheiten", erklärt Dr. Retzlaff, Klinik für Allgemein- und Gefäßchirurgie am Klinikum Bad Salzungen. Die Betroffenen - meist wissen sie gar nicht, dass sie ernsthaft erkrankt sind - bemerken nach dem Zurücklegen einer bestimmten, individuellen Wegstrecke Schmerzen in den Beinen. Schon nach kurzer Pause bessert sich der Zustand. Weil viele Menschen sich schämen, nicht mehr gut zu Fuß zu sein, kaschieren sie ihr Leiden, in- dem sie einen längeren Blick ins Schaufenster werfen. So bekam diese Krankheit ihren Namen. „Meist steckt der Schmerz in der Wadenmuskulatur, doch dort ist er nicht entstanden. Der Grund liegt immer eine Etage höher", erklärt der Experte. Schmerz in der Wade weist also auf ein arterielles Problem im Oberschenkel hin. Häufig werde diese Krankheit durch andere Krankheiten wie Herzschwäche oder Gelenkbeschwerden überlagert, durch die man ohnehin meist eine eingeschränkte Kondition hat. Seit dem Jahre 2001 gibt es Zahlen für Deutschland, wonach fast 20 Prozent der Männer und fast 17 Prozent der Frauen über 65 Jahren von arteriellen Verschlusskrankheiten (AVK) betroffen sind - und bei fast zwei Dritteln der Erkrankten würden gleichzeitig Herz- und Hirngefäßerkrankungen vorliegen. Risikofaktoren seien Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Stoffwechseldefekte. Männer seien genetisch vorbelastet, im Alter an einer AVK zu erkranken. „Man sollte bedenken, dass ein Mensch mit drei Risikofaktoren bereits ein zehnfaches Risiko in Kauf nimmt. Ältere Menschen haben bei vier Faktoren schon ein 15faches Risiko", so Dr. Retzlaff, der gleichzeitig darauf hinweist, dass außer der genetischen Veranlagung die Risikofaktoren beeinflussbar sind.
Vier Stadien benennt Retzlaff für die Krankheit, bei der die peripheren Arterien durch Verschlüsse oder Verengungen die Extremitäten nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen: Im ersten Stadium werden keine Beschwerden erkannt, im zweiten der Belastungsschmerz. Das dritte Stadium weist Schmerzen im Ruhezustand auf und die vierte Stufe macht die Krankheitsentwicklung durch Gewebedefekte/Nekrosen auch äußerlich sichtbar. „Bei der Diagnostik kann der Hausarzt schon viel tun", weiß Tobias Retzlaff. Liegen Beschwerden des zweiten und dritten Stadiums vor, könne man beispielsweise durch Pulskontrolle und einer Knöchelarteriendruckmessung an Hand- und Fußgelenk bereits eine Diagnose stellen. Ultraschall, Röntgen und eine standardisierte Gehstreckenbestimmung seien weitere Möglichkeiten zur Erkennung der Schaufensterkrankheit. Die ersten Gegenmaßnahmen sind: aufhören zu rauchen, sich ausreichend bewegen, eine ausgewogene Ernährung und die Behandlung von Begleiterkrankungen. Dabei spielen Blutdruckkontrolle sowie die Einstellung von Diabetes und Fettstoffwechsel eine wichtige Rolle. „Selbst langjährige Raucher können so eine Verbesserung ihrer Situation erfahren", weiß der Experte. Von besonderer Bedeutung - besonders für Diabetes-Patienten - sei die Aufklärung und Schulung zur Fußpflege. „Viele Krankheitsverläufe entstehen durch Fußpflegefehler." Und auch kämen die Patienten häufig erst dann, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist. Viel könne man mit Medikamenten erreichen, in schweren Stadien sei aber die Chirurgie gefragt, verweist der Arzt auch hier auf eine Vielzahl von Behandlungsmethoden, die von der Kathetertherapie, dem Setzen von so genannten Stents zur Aufdehnung des Gefäßes bis zur Amputation im schlimmsten Fall reichen. „Vor der Entscheidung zu operieren sollten aber immer erst alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, denn jede OP kann mit Komplikationen verbunden sein", warnt der Arzt. „Um Schlimmeres zu verhindern, möchte ich die Patienten ermutigen, ihre Beschwerden nicht zu verniedlichen, sondern sich behandeln zu lassen." (sdk)
 Weil viele Menschen sich schämen, nicht mehr gut zu Fuß zu sein, kaschieren sie ihr Leiden, in dem sie einen längeren Blick ins Schaufenster werfen. So bekam die Krankheit ihren Namen. Foto: dpa |