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Freies Wort, 07.07.2005
Zwischen 1 und 2 Uhr nachts werden im Klinikum Bad Salzungen Menschen behandelt, die dringend Hilfe brauchen.
BAD SALZUNGEN - Die Nachtglocke klingt wie ein Telefon. Die schwere Glastür gibt den Blick in den gelben Flur frei, doch sie bleibt verschlossen. In der Notaufnahme des Bad Salzunger Klinikums geht es jetzt hektisch zu. Zwei Patienten wurden eingeliefert. Die Schwester öffnet die Tür und ich darf ins Wartezimmer. Aus der Box dringt beruhigende Musik, fast einschläfernd. Eine Frau sitzt im Wartezimmer, blättert nervös in einer Zeitschrift. Sie wartet.
Über ihr hängen Fotos und Erklärungen. Schockraum, septischer OP, Gipsraum, aseptischer OP. Zu jeder Beschreibung gibt es ein Foto. Die Drucke sind leicht grünlich - irgendwie unangenehm. Genauso wie die Anlässe, die jemanden hierher bringen - dann ist wirklich Not am Mann oder an der Frau, ist in dieser gespannten Atmosphäre regelrecht körperlich zu spüren. René Trautvetter betritt den Raum. Der Chirurg winkt nur, die weißen Handschuhe sehen neu aus. Im septischen OP liegt eine junge Frau. Arbeitsunfall, heißt es. Wundversorgung. Die Tür zur Patientin bleibt offen stehen. René Trautvetter verschwindet im Raum. Eine Schwester läuft über den Gang. Eine Tür surrt, sie öffnet sich automatisch. „Hier kommt alles rein. Per Rettungsdienst, zu Fuß oder über den hausärztlichen Bereitschaftsdienst", sagt René Trautvetter. Der Chirurg ist direkt von der Sprechstunde, die am vergangenen Morgen begonnen hatte, in die Nachtschicht in der Notaufnahme gegangen. Der harte Alltag eines Arztes. „Eigentlich nutze ich jede freie Minute zum Schlafen", erzählt Trautvetter. Aber damit ist jetzt erst einmal Essig. Diesmal hält der Arbeitsunfall ihn auf Trab und im Zimmer gegenüber, im Schockraum, liegt ein älterer Mann im Schlafanzug, der mit akuten Schmerzen im Bauchbereich eingeliefert wurde.
Es ist 1.10 Uhr. Trautvetter kommt aus dem septischen OP, geht in den Schockraum. Als Erstes zieht er die Handschuhe aus und greift nach neuen. Er stülpt sie ruhig und routiniert über seine Hände. Im Raum piepsen mehrere Geräte. Der Patient ist an viele Geräte angeschlossen, er wirkt apathisch. Kurz hebt der Patient den Kopf, als der Arzt hereinkommt, schaut auf eines der Displays, die seine Vitalfunktionen anzeigen. Er hält sich den Bauch und stöhnt. „Der Mann hat Schmerzen. Er hatte bereits einen Schlaganfall, deshalb kann er nicht sprechen", sagt Trautvetter. Er lässt sich von einer der Schwestern ein Gerät auf einem Rollwagen bringen, greift nach unten, holt Gel heraus. Dieses schmiert er auf zwei Scheiben. Ein Ultraschallgerät. Er hält es dem Patienten auf den Bauch. Der Mann zuckt unter dem kalten Gel zusammen.
Die Schwester dämmt das Licht, um die Gerätedisplays besser sehen zu können. Sie holt einen Tesa-Film aus der Schublade, befestigt einen Schlauch am Arm des Patienten. Es ist bereits 1.20 Uhr. Dr. René Trautvetter gibt Anweisungen. „Tief einatmen, Luft anhalten." Der Arzt weist an, dem Patienten Sauerstoff zu geben - fix läuft die Schwester durch den Raum, setzt dem Mann im Schlafanzug, der nur noch halb die Augen öffnet, eine Maske auf das bleiche Gesicht. Dr. René Trautvetter streichelt dem älteren Herrn über den Kopf. „Das ist nur Sauerstoff, der da durch die Nase kommt", wird der Patient beruhigt. Der Mann bekommt eine Spritze gegen die Schmerzen. Die Schwester tupft seine Stirn ab. Aus den vielen verschiedenen Schläuchen, an die der Mann angeschlossen ist, tropft Flüssigkeit in seinen Körper. Der Arzt versucht, den Mann zu beruhigen, seine Stimme klingt ruhig. Arzt und Schwester entfernen einen Katheter und setzen einen neuen ein. René Trautvetter zückt sein Handy, nachdem er die Handschuhe ausgezogen hat. Er fordert jemanden von der Station an, der den Mann in die Überwachungsstation bringen soll. „Der Katheter hat zu lange gelegen. Daraus ist eine schlimme Blasen- entzündung geworden", sagt Trautvetter. Es ist 1.40 Uhr, als er sich an den Schreibtisch setzt und verschiedenfarbige Blätter ausfüllt. Auch das gehört zum Beruf. Statt sich zum Schlafen hinzulegen, bewegt sich René Trautvetter nun auf „seine Station", die 4D. Er geht über den Flur, eine Schwester grüßt ihn. Er fragt nach dem Rechten, alles scheint in Ordnung. Leise bewegt sich René Trautvetter in die dunklen Überwachungszimmer, um nach seinen Patienten zu sehen. Er geht hinter einen mit Glasscheibe abgeschlossenen Bereich. Dort stehen Monitore, die anzeigen, welche Vitalfunktionen die Patienten in den Überwachungsräumen haben. Dann geht Trautvetter über den Gang, öffnet eine Tür zu einem anderen Bereich des Krankenhauses. Die Intensivstation betritt er um 1.55 Uhr. Auch hier scheint alles in bester Ordnung zu sein. René Trautvetter geht wieder in die Notaufnahme. Schreibarbeit steht jetzt auf dem Plan, der Chirurg setzt sich an seinen Computer. So lange, bis der nächste Patient in die Notaufnahme kommt. (bu)
 Arzt und Schwestern als eingespieltes Team – sie wissen, jeder Dienst sieht trotzdem anders aus. - FOTO: bu |