Home Pressespiegel Presseartikel 2004 Der mühsame Weg zur geheilten Seele.
Der mühsame Weg zur geheilten Seele.
stz, 05.02.2004

Wohl niemand ist Vorurteilen so ausgesetzt wie psychisch Kranke / Dr. Jochen Ostermann tritt mit seinem Team dagegen an.
Plötzlich weiß sie sich keinen Rat mehr. Sie ist arbeitslos, durch das Haus hoch verschuldet. Ihr Mann betrügt sie nach all den Ehejahren. Sie greift zu der gefährlichen Dosis Tabletten, weil sie den Alltag nicht mehr erträgt. Als sie in das Klinikum Bad Salzungen eingeliefert wird, ist aus einer Frau in den besten Jahren ein Fall für die Psychiatrie geworden.

BAD SALZUNGEN - Wie kam es dazu? Um heilen zu können, gehen Dr. Jochen Ostermann und seine Kollegen mit ihren Patienten auf eine lange Reise ins eigene Ich. In seinem Büro rinnt über eine felssteingroße Kugel unablässig Wasser. Das Geräusch beruhigt die Nerven. "Psychiatrie ist ein Fach mit weichen Wahrheiten", sagt Jochen Ostermann. Seit 1993 leitet der gebürtige Aschaffenburger die Klinik für Psychiatrie und Psycho- therapie am Bad Salzunger Krankenhaus. Mit dem Umzug der Klinik in den Neubau "Am Lindig" ist der Chefarzt seinen Vorstellungen einer fachgerechten Raumgestaltung für seine Patienten näher gekommen. "Die meisten unserer Kranken sind nicht bettlägerig. Hier sollen sie so viel Selbstständigkeit wie möglich behalten". Jochen Ostermann nennt das Rückzugsmöglichkeiten und Marktplätze. Tatsächlich ist die Klinik aufgeteilt in viele kleinere Einheiten mit Gemeinschafts- küchen, Sitzmöglichkeiten und Patienten- zimmern, die teilweise aussehen, als seien sie behagliche Hotelräume. Eingebettet sind dazwischen die Bereiche der Krankenschwestern. Verglast nach allen Seiten. "Der Mensch heilt sich selbst und nicht wir", meint der 51-jährige Mediziner. "Wir können ihm nur dabei helfen", fügt er hinzu. Ein Patient in der psychiatrischen Klinik verbringt in der Regel zwanzig Tage hier. "Damit sind wir an der Grenze für einen Therapieerfolg." Denn psychisch Kranke zu heilen, bedeutet vor allem, Geduld zu haben. In der Klinik für Psychiatrie und Psycho- therapie werden all jene Krank- heitsmuster behandelt, die uns einen verschreckten Schauer über den Rücken laufen lassen. Menschen mit Essstörungen, manisch Depressive, Menschen mit Bewussts- einsspaltungen, Selbstmord- gefährdete, Alkohol- und Drogen- abhängige. "Kaum ein anderer Patient muss mit so vielen Vorurteilen seiner Mitmenschen fertig werden wie ein seelisch Erkrankter", ist sich Ostermann bewusst. Dabei sei erwiesen, dass von einhundert Menschen etwa einer in seinem Leben eine so genannte psychotische Episode durchmachen muss. "

 

Das könnte jeder von uns sein", sagt Ostermann eindringlich und plädiert deshalb dafür, dass seelisch kranke Menschen nicht ausgegrenzt werden dürfen. "Sie gehören in die Gemeinde hinein und nicht hinter Schloss und Riegel." Was aber ist der Grund dafür, dass manche den Druck des Lebens nicht mehr aushalten, zur Rasierklinge greifen, jedes Essen verweigern oder zwischen sich und der Wirklichkeit einen dunklen Vorhang aus Traurigkeit ziehen? In der Sprache der Psychiatrie sind es die "Menschen mit der seelisch dünneren Haut". Eine poetische Umschreibung für ein Phänomen, das den Betroffenen in den Wahnsinn treiben kann. Danach ist jeder Mensch mit bestimmten Filtern ausgerüstet, die ihn das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden lassen, das Bekannte vom Unbekannten, das Laute vom Leisen.

"Dünnere Haut"

Mit Hilfe dieses Koordinatensystems manövriert sich jeder von uns durch den Alltag. "Viele haben die Anlagen für seelisch dünne Haut, doch ob sie sich eines Tages wirklich bemerkbar macht, hängt von tausenden Rahmenbedingungen ab", sagt Jochen Ostermann zum Verständnis. Ostermanns Credo für seine medizinische Arbeit lautet: "verhandeln statt behandeln". Was auch in der Therapie mittlerweile selbstverständlich sein sollte, ist es nach den Worten des 51-jährigen Mediziners noch lange nicht. "Wir halten uns für die Experten und wundern uns, wenn mehr als sechzig Prozent der von uns verordneten Medi- kamente nicht so genommen werden, wie wir sie verordnet haben", sagt er mahnend. Für ihn sind Respekt und der gleichberechtigte Umgang zwischen Arzt und Patienten die Lösung für dieses Dilemma. "Wenn wir erfolgreich sein wollen, dann müssen wir gemeinsam mit den Patienten und deren Familie eine Zukunftsperspektive suchen und nicht eine Lösung vorgeben." Manchmal geht auch diese Rechnung nicht auf. Wie vor über einem Jahr, als sich eine Patientin der psychiatrischen Klinik während ihres Auf- enthaltes aus dem Fenster stürzte. Für Jochen Ostermann ist das ein trauriger Fall. Trotzdem lehnt er geschlossene Stationen ab. "Je mehr Gefängnisatmosphäre wir schaffen, um so unsäglicher ist der Wettkampf, Normalität wieder her- zustellen." KATRIN SCHWAB


Chefarzt Dr. J. Ostermann

 
 
 

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