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Anonym, aber nicht allein
stz, 12.02.2004

In allen Thüringer Krankenhäusern kann anonym entbunden werden

Bad Salzungen (WS/yv) Vor dem Hintergrund des Fundes eines toten Neugeborenen in Barchfeld hat Thüringens Sozialminister Klaus Zeh dieser Tage noch einmal auf die Fülle von Beratungsangeboten für Schwangere in Not und auch die Möglichkeiten für anonyme Geburten hingewiesen. Thüringenweit kann in allen Krankenhäusern und Kliniken mit Geburtshilfestation anonym entbunden werden, u. a . auch 'im Klinikum Bad Salzungen, im St. Georg Klinikum Eisenach, im Kreiskrankenhaus Schmalkalden und im Klinikum Meiningen. Das geht aus einer entsprechenden Auflistung des Ministeriums hervor. "Wir sind den Krankenhäusern dafür sehr dankbar", betont Thomas Schulz, Sprecher des Erfurter Sozialministers."Schon im alten Haus gab es die Möglichkeit, anonym zu entbinden", erläutert Dr. Kornelia Franke, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Bad Salzungen hierzu. Etwa zum Zeitpunkt der ersten im Bundesgebiet eingerichteten Babyklappe hatte das Thüringer Sozialministerium eine entsprechende Anfrage an das hiesige Haus wie auch an alle anderen Thüringer Kliniken gerichtet - und von allen kam hierzu eine positive Rückmeldung. Nach Angaben des Landesverwaltungsamtes in Weimar wurden seit 2001 im Freistaat vier Neugeborene in einer der beiden - wie es in Thüringen heißt - "Babykörbe" abgegeben. Das Helios-Klinikum in Erfurt und die St. Georg Kliniken in Eisenach verfügen über einen solchen "Babykorb". Darüber hinaus kam es seither zu acht anonymen Geburten in Thüringen. Im Klinikum Bad Salzungen hatte man eine anonyme Geburt bislang noch nicht zu betreuen. Einen Sonderfall registrierte man dennoch: Eine Frau, die normal entband, verschwand kurze Zeit später und ließ ihr Kind zurück. Wie sich bei den Recherchen des Klinikums herausstellte, bediente sich die Kindesmutter bei den Angaben, die sie bei der Aufnahme zu ihrer Person machte, der Daten einer völlig ahnungslosen Rheinland-Pfälzerin, berichtet der Leiter der Verwaltung des Klinikums Bad Salzungen, Wolfgang Mauritz. Das Neugeborene wurde in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Da eine werdende Mutter in jedem Krankenhaus, das die entsprechende Möglichkeit anbietet, anonym entbinden kann, halten es Dr. Franke und Wolfgang Mauritz für eher unwahrscheinlich, dass sich eine Frau aus dem südlichen Wartburgkreis im Falle eines Falles an eine Klinik in der näheren Umgebung wendet, sondern entferntere Einrichtungen aufsucht, denn "wir leben hier nun einmal in einem ländlichen Bereich", so die Chefärztin. Hebammen, Ärzten und Schwestern der Geburts- hilfestation wurde ein detaillierter Leitfaden zum Umgang mit anonymen Geburten an die Hand gegeben. Dabei liegt es im Ermessen der Mutter, ob und welche Angaben zur Person sie machen möchte; sie kann auch einen von ihr ausgewählten Namen nennen.

 

Die Betroffene habe darüber hinaus die Möglichkeit, persönliche Angaben oder die einer Vertrauensperson in einem verschlossenen Umschlag zu übergeben. Sie könne zudem einen Brief an das Kind - ebenfalls in einem geschlossenen Umschlag - hinterlassen. "Dieser Brief wird bei uns zu den Krankenakten gelegt, die 30 Jahre aufbewahrt werden", so die Medizinerin weiter. Außerdem könne die Mutter dem Baby auch einen Vornamen geben. Die Kosten der Entbindung übernimmt die Thüringer Stiftung "Hilfe für schwangere Frauen und Familien in Not". Die Geburtsanzeige des Kindes übernimmt die Klinik. Das Krankenhaus benachrichtigt auch das Jugendamt, sofern es sich die Mutter während ihres Aufenthaltes in der Klinik nicht doch noch anders überlegt. Die vorliegenden Daten des Kindes (fest stehen auf jeden Fall Tag und Ort der Geburt) werden zunächst vom zuständigen Standesamt an das Landesverwaltungsamt Weimar weiter geleitet, ließ Bad Salzungens Bürgermeister Manfred Seidler wissen. Dort werde ein so genanntes Personenstandsfeststellungsverfahren eingeleitet. Habe die Mutter keine Angaben zum Vornamen des Kindes gemacht, werde mit Hilfe des Jugendamtes nach einem Vor- und Familiennamen gesucht, geht aus einer Mitteilung des Landesverwaltungsamtes hervor. Danach überstellt das LVWA einen Bescheid an das Jugendamt. Gegen diesen kann das Jugendamt innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Geschieht dies nicht, ist der Bescheid rechtskräftig. Danach erfolge schließlich eine Anordnung an das jeweilige Standesamt zur Ein- tragung in das Personenstandsregister. "Man wird so einen Fall, wie er jetzt in Barchfeld geschehen ist, letztlich nie ausschließen können, gibt Thomas Schulz zu bedenken. Dennoch sei es wichtig und richtig, jedes nur erdenkliche Angebot zu machen, um Leben zu retten, um so auch letztlich die Entbindung unter ärztlicher Aufsicht zu ermöglichen. Der Sprecher des Sozialministers sieht nicht zuletzt die Gesellschaft und das persönliche Umfeld von in Not geratenen Schwangeren in der Pflicht. Menschen müssten sich mehr um einander kümmern, "oft reicht es schon einmal aus, sich nach dem Befinden zu erkundigen", meint er. Vor allem aber dürften Frauen, die sich dazu entschlössen, aus schwer wiegenden persönlichen Gründen ihr Kind zur Adoption frei zu geben, keine gesellschaftliche Achtung erfahren. Denn solche Frauen oder auch junge Mädchen handelten sehr verant- wortungsbewusst. Auflistungen von Schwangerschafts- und Familien- beratungsstellen, zu Krankenhäusern und die anonyme Geburten anbieten, können im Internet unter www.thüringen.de abgerufen werden.


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