stz, 17.10.2003 Im Klinikum: Schlaganfall-Patienten bei OP wenn möglich nur lokal betäubt. Eine Operation kann lange dauern. Doch für den Patienten und den operierenden Arzt schrumpft die Zeit zu einem statistischen Wert: Der Patient dämmert im schwarzen Nichts, während die Mediziner um seine Heilung ringen. Sekunden verschmelzen zu Intervallen, Lebenslinien werden zu Kurven auf dem vitalen Überwachungsgerät.
BAD SALZUNGEN - Zehn Stunden dauerte bisher die längste Operation von Dr. Kurt Bauer. "Wenn man am OP-Tisch steht, dann wird man von Adrenalin durchströmt. Man spürt die Anstrengung kaum", beschreibt der Chefarzt für Allgemein- und Gefäßchirurgie im Klinikum Bad Salzungen den Zustand während einer Operation. Seit 1998 arbeitet der gebürtige Wiener am Klinikum Bad Salzungen. Nur zwei Berufe waren für ihn in Frage gekommen. "Entweder werde ich Priester oder Chirurg." Der einstige Ministrant ist Mediziner geworden. Trost spenden und Hoffnung geben kann er trotzdem.
Wie viel Sauerstoff fließt, wird an den Fingern gemessen.
Kurt Bauer ließ sich von der reizvollen Aufgabe nach Thüringen locken, am früheren Sulzberger Krankenhaus die Abteilung für Allgemein- und Gefäß- chirurgie aus dem Boden zu stampfen. Heute werden unter seiner Ägide künstliche Bauchschlagadern eingesetzt, Bypässe an Ober- Und Unterschenkeln gelegt, Darmkrebs bekämpft und Jagd auf die Metastasen in der Leber gemacht. Zu seinem Mitarbeiterstab gehören acht Ärzte, 14 Schwestern. Fast sechzig Betten hat die Abteilung. Lediglich Herzen und von Krebs befallene Lungen werden im Klinikum nicht operiert. Ein guter Mediziner ist immer auch ein Kenner der physikalischen Gesetze und wird heute umso mehr von technischen Apparaturen unterstützt. Um Eingriffe an der Lunge vorzunehmen, wird eine Kamera in den Brustraum versenkt, Lebermetastasen werden durch den punktgenauen Hitzestrahl einer Sonde von innen heraus zerstört, während das vitale Überwachungsgerät bei der OP die Herzfunktion, den Blutdruck und die Temperatur des Patienten überwacht. Wie viel Sauerstoff durch die Adern des Betäubten fließen, wird automatisch an den Fingerkuppen gemessen.
Kommen Patienten zu Dr. Bauer, denen ein Schlaganfall drohen könnte, dann betäubt er, wenn möglich, ausschließlich lokal. Die Methode hat er bei einem von Europas Gefäßpionieren in Wien kennen gelernt. Danach werden die Nervenwurzeln an der Halswirbelsäule lahmgelegt, so dass der Patient die Sclunerzen nicht spürt. Trotzdem kann ihn Dr. Bauer während der Operation zählen lassen. "Schließlich ist das Gehirn des Kranken der beste Gradmesser dafür, ob es ihm gut geht", schildert der Arzt die Vorteile dieser Methode. Die betroffene Engstelle, in der sich Kalkreste abgelagert haben, wird abgeklemmt und durchtrennt. Ein Silikomöhrchen wird, wenn nötig, eingeschoben, so dass das Blut kurz darauf wieder ungehindert durch die Ader pulsieren kann. Drei Minuten Zeit bleiben dem Operateur dafür. Danach entfernt der Arzt in dem erkrankten Stück die angestauten Kalkreste und zieht nach erfolgreicher Arbeit das Röhrchen wieder aus der Schlagader heraus. "Die Gefahr, dass sich darin später wieder Kalkreste ansammeln ist gering", doziert Dr. Bauer stolz. Für den 50-jährigen Mediziner hängt die Lebensweise eines Menschen ursächlich mit seinem Gesundheits- zustand zusammen. Dass die Zahl von Patienten, die an Dickdarmkrebs leiden, zu- genommen hat, sei auch dem übermäßigen Fleischkonsum zuzuschreiben. Genauso wie Übergewicht und Nikotin Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen und Blutzucker seien, mahnt der Mediziner. "Es gibt Menschen, die nicht einmal mehr zwanzig Meter beschwerdefrei gehen können", beschreibt Dr. Bauer die Folgeerscheinungen. Vielfach kann man dann mit dem Ausputzen der Gefäße oder dem Verlegen von Bypässen helfen. Nur, wenn gar nichts mehr hilft, muss der Körperteil amputiert werden. KATRIN SCHWAB |