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Mehr nötig als die hochgerüstete Medizin

stz, 10.12.2003
Kein Gesicht ist wie das andere. Das von Dr. Werner Stoll ist von Wehmut gezeichnet. Dabei könnte er zufrieden sein. Als Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Bad Salzungen hat er sein Haus selbst über Schließungsandrohungen hinweg gerettet. Im nächsten Frühjahr geht er in den Ruhestand. Doch schon wieder bangt er um die Kinderklinik.

BAD SAlZUNGEN - Kurz vor dem Umzug in das hochmoderne Klinikum löste eine Nachricht aus dem Erfurter Sozialministerium in Bad Salzungen Entsetzen aus. Damals sollte die Kinderklinik ganz geschlossen werden. Chefarzt Werner Stoll mobilisierte die Öffentlichkeit, sein Personal stärkte ihm den RÜcken. Der Rumor hat sich gelohnt. Die Erfurter Strategen sahen ein, dass sie dem Krankenhaus-Standort Bad Salzungen nicht die Kinder- und Jugendmedizin entziehen konnten. Heute verfügt der langjährige Kinderheilkundler über zwanzig Patientenbetten. Die Unterbringung gemeinsam mit einem Elternteil ist kein Problem, die Untersuchungsgeräte sind hochgerüstet. "Früher hatten wir ein Ultraschallgerät, das eigentlich nur für Erwachsene gedacht war", erinnert sich Stoll. Heute gibt es eines mit drei verschiedenen Schallköpfen, die genau auf die Größe kleiner Kinderhüften ausgerichtet sind, die die verletzliche Fontanelle am Babykopf abtasten können und die den Blutfluss in einem kleinen Säuglingskörper farbig sichtbar machen. Auf die technische Ausstattung ist der 59-jährige Mediziner stolz, trotzdem bleibt der Arzt skeptisch. "Die Kinderme- dizin hat in Deutschland keine Lobby", klagt er und zitiert eine Statistik der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V .. Danach werden auch heute noch bis zu 40 Prozent aller stationär hehandelten Kinder nicht auf den entsprechend dafür ausgestatteten Kinderstationen versorgt. Viele Mädchen und Jungen liegen dagegen in den chirurgischen Abteilungen oder in den Betten von Hals-Nasen-Ohrenkliniken. Dabei sei die Kinder- und Jugendmedizin ein ganz besonderes Fach. "Erwachsene können sagen, was ihnen fehlt, kleine Kinder nicht." Deshalb sei das Personal hier speziell geschult. Die ursprüngliche Absicht der Bad Salzunger Ge- schäftsführung, nach der Pensionierung der beiden Chefärzte sowohl in der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde als auch für Hals-, Nasen-, Ohrenerkrankungen zukünftig nur noch einen gemeinsamen Chefarzt für beide Fachrichtungen zusammen zu bestellen, ließ bei Dr. Stoll die alten Verlustängste wieder aufleben. "Damit würde die Kinderheilkunde im Klinikum ins Hintertreffen geraten", ahnt er und prophezeite zudem den Weggang der leitenden Ärzteschaft.

Der Geschäftsführer des Bad Salzunger Klinikums, Wolfgang Mauritz, ruderte jedoch nach einem Gepräch mit der Ärzteschaft der Kinderklinik zurück. "Das ist alles noch gar nicht entschieden," sagte der Chef-Betriebswirt des Hauses gegenüber unserer Zeitung. Werner Stoll setzt nun seine Hoffnung auf Mauritz' Zusage, dass in absehbarer Zeit die Stellenanzeige für einen neuen Chefarzt der Kinderklinik veröffentlicht wird. Wenn der erfahrene Kinderheil- kundler im nächsten Frühjahr seinen Abschied nimmt, dann hat er den größten Teil seiner medizinischen Laufbahn am Krankenhaus in Bad Salzungen absolviert. Auch die Kindermedizin hat ihre Grenzen. Werner Stoll, Chefarzt "Wenn man in einer Kinderklinik arbeitet, dann hat man mehr Zeit, sich um die kleinen Patienten zu kümmern, als man das in einer ambulanten Praxis tun kann", antwortet er auf die Frage, was das Besondere daran ist. Leider sehe man die kleinen Patienten nach der Entlassung meist nicht wieder, bedauert der Arzt, der selbst Vater von zwei Söhnen ist. Nur einmal musste Dr. Stoll erleben, dass die Kindermedizin auch in Bad Salzungen an ihre Grenzen gelangen kann. "Ein kleiner Säugling wurde in das damals noch in MarienthaI befindliche Klinikum eingeliefert und wir mussten den Eltern sagen, dass es keinen Zweck mehr hat. Er war auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben." Während seines einjährigen Aufenhaltes an einem Provinzkrankenhaus in Mocambique, in dem er der einzige Kinderarzt in der gesamten Region war, verschob sich sein medizinisches Koordinatensystem fast vollständig. Kurz vor dem Fall der Mauer war Stoll von der ostdeutschen Regierung in das afrikanische Land geschickt worden. Nachdem seine Familie zugestimmt hatte, machte er sich auf die Reise in eine andere Welt. Kulturell und auch medizinisch. "Dort habe ich wieder gelernt, kranke Menschen zu behandeln ohne Hilfe der hoch technisierten Medizin." KATRIN SCHWAB

 
 
 

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