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Ein Umzug wie kein anderer
Freies Wort, 28.09.2002
Schwester Anneliese Langer zieht nach 40 Arbeitsjahren mit der Station um. Diesmal wird alles anders:„So alle zehn Jahre bin ich mit meinem Arbeitsplatz umgezogen. Aber diesmal wird es gravierender sein als all die Jahre ...“ Stationsschwester Anneliese Langer, schon seit 40 Jahren im Krankenhaus beschäftigt, wird heute mit der Wochenstation ins neue Klinikum am Lindig wechseln.

BAD SALZUNGEN – Auch für viele der anderen Stationen ist heute der große Umzug. Keiner, der sich innerhalb des nur allzu gut bekannten Geländes vollzieht, wie das bisher schon öfter der Fall war. „Wir haben uns immer auf die Umzüge gefreut“, sagt Stationsschwester Anneliese (56) von der Wochenstation, denn „es hat uns immer Verbesserungen gebracht“. Und erinnert sich heute, da in der alten „Woche“ am bekannten Standort das Licht ausgeknipst wird, auch ein bisschen mit Wehmut an ihre bisherigen Arbeitsstätten.

Am 20. Juli 1965 hatte sie als frisch gebackene Kinderkrankenschwester, die an der Meininger Fachschule gelernt hatte, in Bad Salzungen angefangen. Schon während der Schule war das Sulzberger-Krankenhaus ihre Ausbildungsstätte; von hier war sie delegiert, hierher kam sie zurück. Das Säuglingszimmer war damals im ersten Anbau an das alte Sulzberger-Haus. Dann wurde der Anbau weitergeführt, der Kreißsaal war damals im Keller. Nachdem noch ein Stück um- und angebaut wurde, war der Kreißsaal ebenerdig, die Säuglingsstation jedoch lag ein Stück höher, beides war über eine schiefe Ebene verbunden. „Was haben wir da die großen Wagen mit den Kindern hin und her geschoben! Die Bremse war aus Sicherheitsgründen das wichtigste Utensil“, erinnert sie sich. 40 Kinder auf einmal in der Säuglingsabteilung, das war keine Seltenheit in den 70er Jahren. „Da sind wir kilometerweise gelaufen, es musste gehen wie ein Uhrwerk“, sagt die Leimbacherin, die eigentlich erst auf Anraten ihrer Mutter Säuglingsschwester gelernt hat, es aber bis heute nicht bereute, dass aus ihr doch keine Schneiderin geworden ist. Früher fuhr sie auch noch mit dem Zug zur Arbeit und nach Hause. Oft genug die blanke Hetzerei. Im Zaun des ehemaligen Kinderhortes in der Leimbacher Straße gab es immer ein „geheimes“ Loch, „durch das kroch das halbe Krankenhaus, um den Weg vom Bahnhof abzukürzen“.

Der Container-Anbau nach der Wende, in dem die Wochenstation und das Säuglingszimmer bis heute untergebracht waren, war ein richtiger Fortschritt, sagt Schwester Anneliese. Für die Wöchnerinnen wie auch für die Ärzte und Schwestern gab es mehr Komfort, Babys, Muttis und und Kreißsaal waren nahe beieinander. Seit sechs Jahren ist Anneliese Langer Stationsschwester der Wochenstation, zu der die Säuglingsbetreuung längst mit dazugehört und kein Extra-Bereich mehr ist wie früher. An die 14 Säuglingsschwestern gab es zu den Geburten-Hoch-Zeiten, seinerzeit waren diese nur für die Babys zuständig. Mit dem Umzug ins neue Krankenhaus ändert sich zwar nichts daran, dass Muttis und Babys heute von derselben Station betreut werden, aber es werden andere Veränderungen auf sie zukommen, weiß Schwester Anneliese: „Wir müssen uns einen ganz anderen Arbeitsrhythmus angewöhnen! Von manchen Arbeiten werden wir im neuen Klinikum entlastet, andere kommen dafür hinzu.“ Von den internen Veränderungen sollen die Muttis und Babys nicht viel merken.

Die Gedanken der langjährigen Schwester kreisen nicht erst seit heute, wo´s ernst wird“ und die Busse mit den Wöchnerinnen, die Babyschalen auf dem Schoß im Richtung Lindig fahren, um den Umzug. Für alle Schwestern, Mitarbeiterinnen und Ärzte gibt es schon seit Tagen keinen „normalen“ Dienst mehr. Da wurde ausgeräumt und sortiert, eingepackt und ausgewählt.

„Für die neue Station haben wir uns die Bilder selbst aussuchen dürfen“, sagt Schwester Anneliese, und hofft, den richtigen Griff getan zu haben. Schließlich sollen sich die Patientinnen wohl fühlen auch im neuen Krankenhaus. Etliche Ausstattungsgegenstände gehen mit auf Wanderschaft, die Couch im Besucherzimmer etwa. „Nehmen wir unsere Blumentöpfe mit? Und ein paar Kleinigkeiten, die wir von Patienten bekommen haben und an denen unser Herz hängt?“ Na klar, war man sich bald einig, auch in das neue Haus soll ein bisschen „Seele“ einziehen.

Ein Stück des alten Krankenhauses mitnehmen, das heißt für Schwester Anneliese aber vor allem: „Wir bleiben ja als Station zusammen.“ Viele der Schwestern arbeiten schon seit 20 oder gar 35 Jahren zusammen, da verbindet einen mehr als nur die gemeinsame Arbeit. „Einer kennt auch des anderen Herzeleid“, sagt Schwester Anneliese. Und so wird wohl auch der heutige Umzug mit all seinem zu erwartenden Stress gemeinsam zu schaffen sein.

Wenn die letzte Schwester in der alten „Woche“ das Licht ausknipst, dann wird Schwester Anneliese schon längst auf der neuen Station die Lichter angemacht haben. Vielleicht hilft ihr das ein bisschen über die Wehmut hinweg. Ob sie allerdings morgen nicht doch aus Versehen mit dem Auto in die seit 40 Jahren gewohnte Straße einbiegt und sich dann lachend vor den Kopf schlägt, dafür kann sie heute noch nicht garantieren ...

Iris Friedrich


Schwester Anneliese Langer mit einem Baby - noch im alten Gebäude.
 
 
 

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